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Jul 2, 2009 Artikel, Band, Interview Leave a comment
Piratenmagazin: Interview mit JAMMIN*INC
Der Pirat & Kollege Helmut Pozimski hat die Band JAMMIN*INC im Rahmen des demnächst (online) erscheinenden Piratenmagazins interviewt, welche Ihr Musik kompklett unter CC-Veröffentlicht.
Helmut und die Band waren so nett und haben die Vorabveröffentlichung des kompletten Interviews auf Openradio.CC zugestimmt.
Schon vor einiger Zeit hatten wir für das Piratenmagazin ein Interview bei der Band JAMMIN*INC angefragt. Markus, der Drummer der Band hat sich dann freundlicherweise hingesetzt und uns ein paar Fragen beantwortet. Da die Arbeiten an der nächsten Ausgabe des Piratenmagazins aber nach wie vor laufen, haben wir beschlossen, das Interview vorab hier auf Openradio.CC und auf musik.klarmachen-zum-aendern.de zu veröffentlichen:
Helmut: Könntest du uns die Geschichte von JAMMIN*INC kurz zusammenfassen?
Markus: Leider nicht wirklich – das ganze hat einen langen Weg hinter sich. Also in ganz kurz: Es war einmal ein Haufen von Sonderschülern, der genau in das verwanzte Weltbild von zwei völlig gaga denkenden Vollpatienten gepasst hat. Und ab da rockten sie glücklich und zufrieden bis in alle bla bla… okay, vielleicht doch einen Hauch ausführlicher.
Entstanden ist das ganze eher aus einer fixen Idee Ende der Neunziger. Ich spielte zum damaligen Zeitpunkt Keyboards in einer braunschweiger Reggae-Formation mit dem Namen “Whoopee Tayoh”, deren zweiter Sänger “Papaman” eine wirklich großrtige Stimme hat, zu der ich mir immer einen etwas härteren Dancehall gewünscht hätte. Ausserdem hatte ich zu der Zeit über Martin (Klassensprecher) Kontakt zu Boris (Voc.), einem Punk/Rocksänger aus der Stadt, mit dem ich schon immer einmal etwas zusammen auf die Beine stellen wollte. Also hab ich mich im damaligen Homestudio eingeschlossen und einen Titel für die beiden zusammengezimmert. Der hat uns alle so gekickt, dass wir auch gleich ein Video dazu gemacht haben. Nach einigen Querälen war klar, dass das ganze Projekt Potential hat, und so ist meine ehemalige Rock-Formation “Spurlos” drauf eingestiegen, woraus dann die damaligen Boomshop-Allstars (als Arbeitstitel) hervorgingen.
Als ich dann vor der Wahl stand, in Berlin bei einer großn Softwarefirma den Studiokomplex als Art-Director zu übernehmen, wurde mir klar, dass meine Wurzeln doch eher hier in Braunschweig liegen und ‘nen Firmenwagen nicht wirklich alles im Leben sein kann. Spätestens da musste das, was Martin und ich hier zukünftig anpacken wollten, aber schon irgendeinen Sinn ergeben, und so haben Martin, Andi (Gitarre) und ich dann gemeinsam den Boomshop aufgebaut. An den zwei Gitarren- und den beiden Gesangskabinen ist heute noch super zu erkennen, dass das Ding eigentlich mal um die damaligen “Allstars” herumgebaut wurde.
Drei Jahre später wurde klar, dass der Laden wirtschaftlich so nicht mehr zu halten war – Musiker, die kein Geld mehr verdienen, können es auch nicht im Studio ausgeben – diese Zeit hat in Braunschweig kaum ein Musikalienhändler oder Studiobetreiber überlebt. Die Allstars hatten sich mittlerweile stillschweigend aufgelöst, ohne dass das Studio auch nur einmal seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt wurde: ‘ne Platte mit Boris und Papaman (ehem. Voc.) zu machen.
Kurze überschlagsrechnung: Drei Monate Kündigungsfrist gegenüber drei Monate Plattenproduktion – da geht doch was. Also hab ich mir ‘n Fernsprecher geschnappt und mich mal wieder überall hören lassen. Boris und Papaman waren sofort am Start, ausserdem war das eine prima Gelegenheit, endlich mal was mit Cappu (Voc.) zusammen zu machen, was wir uns bei jedem kurzen über-den-Weg-Laufen (”Ma auf’n Kaffee…?” – “Sicher! Ich meld’ mich…!”) immer wieder vorgenommen hatten.
Der ehemalige Bassist war mittlerweile leider verstorben (Alter, Vibrationen bleiben!) und einer der Gitarristen hatte seine Ambitionen am Musikmachen etwas zurückgestellt. Da Cappu zu dem Zeitpunkt mit Krizz (ehem. Voc.) die Formation Higheads aufbaute, waren aber deren Bassist (Kordian) und Gitarrist (Luc) sofort mit am Start. Dirk (Keys) hatte ich bei einem Aushilfsjob in seiner damaligen Formation als totalen Orgelfetischisten kennengelernt und ebenfalls angerufen, und so fand man sich im September 2004 im Boomshop zu einem musikalischen Stelldichein zusammen. Da hatte ich schon einen Stapel Riddims, Playbacks, Arrangements und Ideen vorgelegt, so dass man auch gleich losmucken konnte. Das hat dann irgendwie allesamt umgerissen, und es war klar: DAS müssen wir machen. Also richtig ernsthaft machen.
Demnach wieder irgendeinen Plan aus der Tasche zaubern, damit der Laden – und damit die Basis der Band – auch weiterhin stehen bleibt und wir in Ruhe die erste Scheibe produzieren können. Alle haben alles gegeben, und so ist dann das Debut “Mit Anlauf” mehr oder weniger aus der hohlen Hand entstanden. Zu der Zeit kamen dann noch Buddy (Voc.) und ein paar Blechbläser zu dem Haufen hinzu. Nebenbei hatten die ersten im Netz veröffentlichten Demos ein unerwartetes Interesse geweckt, was uns bei der Ankündigung der GEZ, Webradios mit harten Auflagen und hohen Abgaben zu belegen, zu der ersten Version von “Was ist härter” bewogen hat. Da hören einem endlich mal ein paar Leute zu und das Amt sieht seine Felle wegschwimmen…
Helmut:
Helmut: Was würdet ihr jungen Menschen empfehlen, die ihre Liebe zum Musik kreieren entdeckt haben?
Markus: Vielleicht einfach nur: “Mach was”? Vorausgesetzt, da hat jemand seine Liebe zur Musik und nicht seine Liebe zu W. Rilliams Kontoauszug entdeckt. Wer Musik nicht wegen des Musikmachens ansich schafft, sollte sich eventuell besser zur Rübenernte in den alten Bundesländern blicken lassen – da ist bestimmt mehr Kohle drin, und das sogar ohne sich vor aller Welt zum Affen machen zu lassen. Und ebenfalls vorausgesetzt, es geht nicht um den persönlichen Monster-Hype. Dann würde ich ein selbstgedrehtes In-die-Luft-Kotzen-und-wieder-aufessen-Video auf Youtube empfehlen, das macht mindestens ‘ne Million Klicks klar.
Wenn Dich aber echte Liebe zur Musik treibt, dann vor allem eines: Kultur ist unbeschränkt. Mach, was DIR gefällt. Nur dann wird es richtig gut. Alle sagen, Du bist “handwerklich” sauschlecht? Dann spiel’ denen mal Bob Dylan oder die Ramones vor. Gut oder Schlecht liegt immer im Auge des Betrachters. Und wenn es keine Sau hören will, was Du da fabrizierst, dann beschimpf’ sie einfach mit “Kulturbanausen” – das zieht immer. Mach’ es einfach, und Du wirst feststellen, dass Dir das Schaffen von Musik so gut wie alles geben kann, was Du vom Leben erwarten kannst.
Ausser einen vollen Kühlschrank und ein Leasing-Fahrzeug.
Helmut: Viele unserer Leser kennen und schätzen eure Musik. Euer letzter Song .Revolution. hat ja eingeschlagen wie eine Bombe, arbeitet ihr momentan wieder an etwas neuem?
Markus: Ein neues Album ist schon länger in Planung, die Arbeit daran hat auch begonnen. Leider dauert das bei einer Band mit dieser Intention aus verschiedenen Gründen länger, als bei einer weiteren “Supersommerhits Vol. 2643″ – Compilation:
- Wir wollen kein Album auf “Biegen und Brechen”. Zwei tolle Singles und zehn Fülltitel mögen eventuell die Wirtschaftlichkeit einer Musikproduktion maximieren, machen aber uns und unseren Zuhörern ganz sicher keinen Spaß
- Die Band besteht aus neun Musikern und vier Sängern, die dazu noch aus den unterschiedlichsten Richtungen kommen. Wenn eine vierköpfige Punkband am Probennachmittag drei neue Tracks schreibt, brauchen wir alleine für die Idee schon bald Wochen. Und bis aus einer Idee ein fertiger Song erwächst, mit dem alle soweit glücklich sind, stehen noch einige Bandproben, Sängermeetings und Nächte vor dem Rechner an.
- Genauso siehts natürlich auch mit den Aufnahmen aus: wir machen das noch alles so richtig oldscool, so mit richtig echt Einspielen mit Instrumenten und Tönetreffen beim Singen und so komischen Sachen. Drumcomputer, Sequencer, Ampsimulatoren und Stimmen-Geradezieher sind was für Plastikmusik (ohne diese abwerten zu wollen – ich mach selbst oft genug Silikonsound zur persönlichen Bespaßng). Und bis 9 Musiker wirklich geiles Zeug eingespielt und 4 Sänger da amtlich draufgesungen haben, vergehen so einige frustrierende Tage im Studio. Da nicht jeder von uns Fulltime-Musiker ist, braucht aber alleine die Terminierung für die Aufnahmetage schon ‘ne Menge Energie.
- Nicht zu vergessen: keiner – auch nicht Bookingagentur, Techniker, Crew, Studio, Medienagentur, Management – verdient mit dem Stuff bisher irgendeinen Cent. Das tut der Motivation der jetzigen Band und ihrer trong> Wie seid ihr eigentlich auf die Idee gekommen, eure Musik unter Creative Commons-Lizenzen zu veröffentlichen?
Markus: Wie gesagt, das ganze Ding hatte nie einen kommerziellen Aspekt. Eigentlich ging’s immer nur um’s Mucken. Und darum, das Zeug dann zu spreaden. Denn wofür macht man soetwas wie Musik eigentlich? Um damit Millionär zu werden? Dafür gibts ja sogar schon innerhalb der Band genug Gegenbeispiele. Geld war zu der Zeit mit der Musikindustrie eh nicht mehr zu verdienen, schon da konnte man sich mit denen maximal ein besch…eidenes Image zulegen, weil erst die Fans weggeklagt werden und der Stuff dann auf den Klingeltonsendern VIVA und MTV die ganze Welt nervt. Ausserdem war klar, dass da für eine ernsthaft industrielle Vermarktung viel zuviel “Kunstscheiss” drin ist – Texte mit der einen oder anderen echten Aussage und kaum ein Track unter viereinhalb Minuten – welcher Grinsebacken-Radiosender braucht das heutzutage schon? Und da wir zu dem Zeitpunkt “einfach nur gehört” werden wollten, kam die CC-Lizenz gerade recht.
Helmut: Wie sind eure bisherigen Erfahrungen mit den Lizenzen?
Markus: Ich denke, dass wir auch weiterhin alles unter CC veröffentlichen, beantwortet die Frage recht gut.
Helmut: Warum macht ihr eigentlich Musik, was ist eure Motivation?
Markus: Ich persönlich kann halt nicht anders
Da die Band aber aus einem ganzen Haufen verschiedener Typen mit den unterschiedlichsten Hintergründen besteht, kann man das wohl so pauschal nicht sagen. Das ist, denke ich, ein ganz individuelles Ding. Für einige in der Band ist das Musikerdasein ihr ganzentsteht. Klar, dass das alles nicht zu beweisen ist, was in meiner Birne so rumflattert, aber hierbei gehts auch eher um das Prinzip. Wenn ein Urheberrecht abgetreten werden kann, kann ich dann auch meine Vaterschaft an den Höchstbietenden veräussern? Oder die Verantwortung für ‘nen Angriffskrieg im Nahen Osten? Ich schweife ab…
Trotzdem – was würden wir ändern?
Vor allem diesen total überzogenen Anspruch auf Schutz bis 70 Jahre über den Tod eines Kreativen hinaus. Ist ein Urheber tot, dann ist er halt tot. Fertig. Alles andere dreht sich nicht mehr um den Sinn der Urheberschaft an sich, sondern ausschliesslich um die damit verbundenen Lizenzgebühren, wo auch die starre Inkassopolitik der GEMA wieder in’s Spiel kommt. Und da sind wir an einem Punkt, an dem der Gedanke der absoluten Gewinnmaximierung um jeden Preis wiedereinmal einen Fortschritt in der menschlichen Entwicklung ausbremst – Kultur basiert grundsätzlich auf Kultur. Okay, unter finanziellen Aspekten betrachtet mag das vielleicht sinnig sein, allerdings wird dabei gerne ausser Acht gelassen, dass es sich bei diesen Gütern um _kulturelle_ Güter handelt. Und in meinen Augen zeigt der Umgang einer Kultur mit ihren Kulturgütern den Grad der Zivilisation derselben. Kultur, die den Interessierten etwas kosten MUSS, kann nur als ein hübsches Deckmäntelchen für den Höher-Schneller-Nochmehr-Effekt des globalen Kapitalismus durchgehen, hat den eigentlichen Sinn dieses Gutes aber voll verfehlt. Wenn wir nicht bald Wege finden, echte Kultur für alle Menschen frei zugänglich (und trotzdem bezahlt) zu erschaffen, dann wird unsere gerade vorherrschende Kultur ein reines Status- und Handelsobjekt, und somit allen Sinnes enthoben. Natürlich kostet die Erschaffung von Kulturgütern Geld, kein Zweifel – ich kann darüber ganze Bände mit roten Zahlen füllen. Aber es wird Wege geben, dieses zu finanzieren, und zwar ohne den an Kultur interessierten Menschen auszunehmen, das transportierte Gut so lange zu zerstückeln, bisCrew zum Glück keinen Abbruch, macht die Sache in unserer mittlerweile sauteuren Gesellschaft aber nicht unbedingt einfacher oder schneller.
Wer also Bock auf neues Zeug aus der Jammin-Anstalt hat, muss leider noch ein wenig Geduld aufbringen. Aber wir versprechen, dass sich das Warten lohnen wird
Da wir ja hier unter uns sind: Ein Track ist komplett fertig, drei weitere sind gerade mitten in den Aufnahmen, drei/vier aktuell am Entstehen und zwei/drei geistern noch als gewindelte Idee durch meine Matschbirne. Zeitrahmen? Irgendein kluger Mann meinte mal, je schneller man sich im Verhältnis zum Beobachter bewegt, desto langsamer vergeht die Zeit – ist also doch eher relativ…
Helmut: Danke für das Interview.
Markus: Gerne doch – danke für’s durchlesen
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Quellen: JAMMIN*INC, Piratenmagazin
